RECKLINGHAUSEN. Tausende Schüler werden ab nächster Woche wieder „normal“ in den Schulen unterrichtet. Doch wie funktioniert „Normalität“ in der Pandemie? Wir haben jemand gefragt, der es wissen muss.

Zur Person

Anne Schneider-Grafe (49) ist verheiratet und lebt in Herten. Sie ist Mutter dreier Kinder (17, 18 und 20 Jahre alt) und kennt den Corona-Alltag von Schülern darum aus beiden Perspektiven: als Mutter und Lehrerin. Ihre jüngste Tochter ist noch Schülerin, der Sohn hat gerade am Gymnasium in Herten sein Abitur gemacht, die ältere Tochter studiert bereits. Am Herwig-Blankertz-Kolleg unterrichtet Anne Schneider-Grafe Gesellschaftslehre und Religion. Als Stellvertreterin des Schulleiters ist sie jedoch hauptsächlich damit beschäftigt zu organisieren.

Von Joachim Schmidt

 

 

Die stellvertretende Leiterin des Herwig-Blankertz-Berufskollegs in Recklinghausen, Anne Schneider-Grafe, organisiert mit einigen Kollegen jetzt in den Ferien den Schulalltag von morgen – für rund 1850 Schüler.

Der Schulbeginn rückt näher. Freuen Sie sich auf den ersten Schultag?

Das ist eine gute Frage. Grundsätzlich freue ich mich immer sehr aufs Wiedersehen meiner Schüler und der Kollegen. Außerdem bin ich leidenschaftlich gern Lehrerin. Der Beruf, auch das Organisieren, macht mir Spaß…

...aber diesmal ist der Schulbeginn anders als sonst, und das macht vielleicht nicht nur Spaß?

Richtig. Dieses Schuljahr ist nicht vergleichbar mit all den Jahren zuvor. Dies ist der erste Schulbeginn, der mitten in einer Pandemie stattfindet. Das hat es noch nie gegeben. Dieser Start stellt für die Schulen, insbesondere für alle Lehrkräfte, die sich mit organisatorischen Fragen beschäftigen müssen, eine große Herausforderung dar. Wir müssen sorgfältig und gut durchdacht planen, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Und vieles ist ja im Ungewissen: Das Virus ist nicht verschwunden. Schüler und Lehrer kehren jetzt aus dem Urlaub zurück, wir wissen nicht, wie sich die Infektionszahlen entwickeln.

Das Schulministerium schreibt vor, wieder im Regelbetrieb im Klassenraum zu unterrichten, nicht online und ohne Maskenpflicht. Wird das gut gehen?

Wir alle haben aus den vergangenen Monaten ja viel gelernt. Wir bereiten uns auf drei Szenarien vor. Wenn die Pandemie-Lage ruhig bleibt, gibt es normalen Unterricht. Gehen die Fallzahlen hoch, werden wir die Klassen wieder teilen und alle zwei Tage abwechselnd in der Schule und online zu Hause unterrichten. Wird die Pandemie-Lage noch schlimmer, und es kommt wieder zum Lockdown, sind wir aufs Distanzlernen vorbereitet.

Das klingt vielleicht einfacher, als es ist, oder? Viele Schulen haben ja nicht die nötige technische Ausrüstung, manche Lehrer kommen mit Online-Unterricht nicht klar, und manche Schüler haben keine Laptops.

Ehrlicherweise muss ich sagen, dass wir in unserem Berufskolleg sehr viel Glück hatten. An unserer Schule wurde kurz vor der Pandemie, im Januar, im Rahmen eines Pilot-Projektes zur Digitalisierung der Berufskollegs im Kreis, ein Schulserver eingerichtet. Die geplante Schulung konnte aufgrund des Lockdowns nicht mehr stattfinden, aber so sind wir selbst aktiv geworden, haben uns in Foren auf dem Server selbst geschult und entwickelt. Kommunikation per Messenger und Newsletter, Organisieren und Teilen von Aufgaben sowie eine gemeinsame Dateiablage der Aufgaben und Materialien pro Klasse in der schuleigenen Cloud sind kein Problem mehr. Auch Video-Konferenzen sind möglich. Drei weitere Berufskollegs installieren diesen Server jetzt ebenfalls.

Haben denn auch alle Schüler zu Hause die entsprechenden Geräte?

Leider nein. Tatsächlich fehlen vielen Schülern, die aus sozial schwachen Familien kommen, Laptops. Es war nicht leicht, den Kontakt zu diesen Schülern zu halten, vor allem, wenn auch noch Sprachbarrieren dazukommen. Aber da gibt es jetzt Bewegung. Das Ministerium hat im Rahmen des Digitalpaktes Schule Geld bereitgestellt, damit bedürftigen Schülern Endgeräte gekauft werden können. Für unsere Schule wären das voraussichtlich rund 250 Geräte. Damit wären aber längst noch nicht alle Schüler versorgt.

Der Lehrerverband hat vor einigen Tagen gewarnt, dass es ohne Masken- und Abstandspflicht im kommenden Schuljahr ein ziemliches „Durcheinander“ von Schulen mit und ohne Lockdown geben werde. Wie sehen Sie das?

Nun, wir werden diesmal ja nicht mehr wie im Frühjahr von der Pandemie überrascht. Wir haben viele Erfahrungen gesammelt. Es wird eine Normalität im Ausnahmezustand geben, und es wird sicherlich hier und da ruckeln. Da gibt es ja im Grunde zwei Pole: Für die Schüler ist ein geregelter schulischer Lernprozess, beim Lehrer spontan nachfragen zu können, Freunde zu treffen, Austausch zu haben unglaublich wichtig. Wir wollen all das also wieder ermöglichen. Der zweite Pol ist: Wir müssen die Infektionszahlen im Auge behalten und wollen nur so viel Präsenzunterricht anbieten, dass wir das Gesundheitssystem nicht zum Knacken bringen. Zwischen diesen beiden Seiten die beste Entscheidung im Schulbetrieb zu treffen, ist die große Verantwortung und Herausforderung, der wir uns stellen. Wir werden mit Planung und Ruhe an die Sache herangehen. Man sollte das nicht negativ sehen, sondern davon ausgehen, dass alle mit hoher Einsatzbereitschaft, unter diesen Umständen versuchen, das Beste zu tun.

Sie haben im Berufskolleg keine kleinen Kinder, sondern ältere Schüler. Ist das in Corona-Zeiten ein Vorteil oder ein Nachteil?

Ich glaube, es ist ein Vorteil. Ältere können Abstand, Maske und Hygiene leichter einhalten.

Aber sind denn alle Schüler so vernünftig?

(lacht) Natürlich sind nie alle vernünftig, aber es war schon erstaunlich zu sehen, wie gut und wie selbstverständlich unsere Empfehlung, Masken zu tragen, von allen angenommen wurde – nicht als Pflicht, sondern zum gegenseitigen Schutz. Und wer mal ohne Maske kam, dem haben wir einen Schutz zur Verfügung gestellt. Am schwierigsten ist es für die Jugendlichen, Abstand zu halten. Darum haben wir die Pausen im letzten Schuljahr bei Wiederaufnahme des Schulbetriebs abgeschafft, um Gruppenbildungen auf dem Schulhof zu vermeiden.

Sorgen macht uns das duale System, da viele Ausbildungsbetriebe unverschuldet in Schwierigkeiten geraten sind und die Anzahl der Ausbildungsplätze zumindest fraglich ist. Trotzdem halten wir ein gutes Maß an Klassen in diesem Bereich vor und hoffen, dass diese dann spätestens im Herbst auch gut belegt sein werden.

Sie sind selbst Mutter. Hat man da eine andere Perspektive, andere Sorgen als eine Lehrerin?

Ja, ich habe als Mutter einen Tipp von meiner Tochter bekommen, den ich in der Schule umsetzen konnte. Die Kinder hatten teilweise ihre Freunde in der Zeit der Schulschließung lange nicht gesehen. Bei der Aufteilung in Kleingruppen hätte man stur vorgehen und die Gruppen alphabetisch bilden können. Meine Tochter fand es schöner, ihre Freunde in der Lerngruppe zu haben. Das haben wir unseren Schülern dann, wenn immer es möglich war, auch ermöglicht.

Allgemein will man als Mutter ja vor allem nicht, dass sich das Kind ansteckt. Viele haben aber auch gemerkt, dass es den Kindern und den Familien nicht gut tut, wenn die Schüler nur zu Hause sind. Meine jüngere Tochter freute sich sehr, nach Wochen endlich wieder in die Schule zu dürfen. Mir tun vor allem die Eltern kleiner Kinder und Alleinerziehende leid. Homeoffice und Erziehung – das war für sie teilweise eine Grenzerfahrung und großer Stress.

Das Gymnasium meines Sohnes in Herten hat trotz der schwierigen Bedingungen eine sehr feierliche Zeugnisübergabe gestaltet und die Schüler in der Vorbereitung sehr gut begleitet. Kritisch sehe ich den Umgang mit den Studenten. Während die Öffentlichkeit den Fokus auf Kitas und Schulen legte, sind sie gar nicht erwähnt worden. Meine Tochter, die bereits im Studium ist und an ihrem Studienort alleine wohnt, hat sehr unter dem reinen Distanzlernen gelitten. Stundenlang saßen die Studierenden vor ihren PCs, um Vorlesungen zu hören und Experimente, die sie eigentlich selbst hätten durchführen sollen, nur zu beobachten. Hier besteht in meinen Augen noch großer Handlungsbedarf.

Quelle. Recklinghäuser Zeitung 03.08.2020

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Prof. Dr.

Herwig Blankertz

"Es geht nicht um Parteipolitik, schon gar nicht um Personenkult - beides wäre Herwig Blankertz zutiefst zuwider gewesen-, sondern darum, daß sich eine Schule ein Arbeitsprogramm setzt und dieses Arbeitsprogramm möglichst phantasievoll und kreativ mit der bildungstheoretischen Grundidee zu verknüpfen sucht, nämlich mit der Grundidee, den Jahrhunderte alten Widerspruch von Allgemein- und Berufsbildung endlich konstruktiv aufzuheben." 

(Quelle: Hilbert Meyer, In memoriam Herwig Blankertz, 05.10.91)

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